Vom System überlebt
Ein Kollege hat Jahrzehnte gearbeitet. Jeden Morgen raus obwohl der Körper nein sagte — weil die Prägung ja nicht nein sagt. Irgendwann war die Rente in Sicht.
Er fing an Wohnmobile anzuschauen, weil er Reisen wollte — endlich. Ein halbes Jahr vor dem ersten Rentenmonat ist er gestorben.
So etwas ist kein Einzelfall. Das ist Methode.
Nicht bewusste Methode — das ist wichtig. Niemand sitzt in einem Raum und plant das so.
Es ist subtiler: es ist ein System das sich selbst am Laufen hält und über Mechanismen die psychologisch hebeln immer wieder neu refresht. Ohne dass es jemand anordnen müßte. Ohne dass jemand es merkt. Auch der der drin steckt nicht — der schleppt sich jeden Morgen zur Arbeit und nennt es Leben.
Wie konnte das passieren?
Geld war mal eine simple Idee
Praktisch sogar. Statt dass der Bäcker dem Schreiner ein Brot mitbringt und der
Schreiner dem Bäcker einen Stuhl — gibt es ein Zwischending. Einen Stellvertreter.
Etwas das den Wert trägt ohne selbst Wert zu sein. Bedrucktes Papier. Geprägtes Metall.
Soweit so gut.
Irgendwo auf dem Weg ist etwas passiert. Das Mittel ist zum Zweck geworden. Der Stellvertreter hat den Platz des Originals eingenommen. Und niemand hat laut widersprochen — weil es so langsam ging dass keine Generation den Unterschied gespürt hat. Es hat sich nachhaltig eingeschlichen und sitzt sehr fest und sehr tief in jedem von uns! Es kam quasi mit der Muttermilch und sogar schon davor – durch Sound&Waves in das System eines jeden von uns.
Was Geld heute kauft
Heute kauft Geld nicht mehr nur Brot und Stühle.
Es kauft Politiker, die die Gesetze schreiben. Es kauft Gesetze. Es kauft Aufmerksamkeit — per Werbung die dir
erklärt was du brauchst bevor du es vermißt hast. Es kauft
Zeit — fremde Zeit. Lebenszeit. Die deines Kollegen zum Beispiel.
Und der Mechanismus dahinter ist simpel:
Wer viel hat, kann viel damit machen. Wer gigantisch viel hat, kann gigantisch viel damit machen. Wer am meisten damit machen kann hat die Macht es zu tun. (Siehe E.Musk, als er plötzlich in der US(!)-Politik auftauchte! – da zeigte sich, dass nicht nur Geld von Nöten ist, sondern auch Fingerspitzengefühl um eben nicht nur Menschen zu beeinflussen sondern eben auch dicke Egos)
Wer nichts hat — der schaut zu und hat vielleicht Zeit um das ganze mal zu reflektieren. 😉
Warum das niemanden aufzuregen scheint
Aber wie kommt es dass das niemanden aufzuregen scheint? Dass Millionen Menschen morgens aufstehen — gegen ihren Willen, gegen ihren Körper, gegen ihre Zeit — und das normal nennen?
Weil sie es nie anders kannten. Es gab zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens in ihrem Umfeld ein anderes Modell, das hätte neugierig machen können, das hätte Fragen provozieren können, das hätte in eine andere Richtung zeigen können. Und wenn doch – und die ersten Fragen formuliert wurden, gab es das Protokoll dass einen verstummen ließ, weil sie nicht nur eine Frage stellten, sondern damit – völlig zurecht – (ohne Aussicht auf weise Antwort) in Frage stellten!
Von Geburt an, ohne Absicht, ohne Bewusstsein — aber mit Konsequenz.
Es braucht keinen Bösewicht für dieses System. Keine geheime Runde die beschließt: *wir
formen jetzt Menschen die funktionieren.*
Es reicht die Summe des Gewöhnlichen. (siehe den Demokratiegedanken, wo zwei Gewöhnliche ein weises Genie überstimmen sollen)
Eine Schule die benotet — nicht ob du denkst, sondern ob du das Richtige denkst. Zur
richtigen Zeit. In der richtigen Form. Kreativität ist erlaubt solange sie verwertbar
ist. Fragen sind willkommen solange sie nicht zu weit führen. Wer zu viel fragt wird
irgendwann still — nicht weil man es ihm befohlen hat, sondern weil er gelernt hat: Wer viel fragt führt die ach so klugen befragten an ihre Grenzen, was den Ego unter der Bildungsschicht weckt. Und Ego unterscheidet nicht.
Eltern die es gut meinen — wirklich gut meinen — und trotzdem weitergeben was ihnen weitergegeben wurde. Streng sein ist Liebe. Funktionieren ist Wert und Stolz. Träumen ist schön — aber bitte nachts im Bett – und erst recht nicht als Teil der Realität wahr-nehmen.
Und dann: Fernsehen oder Filme allgemein Input via Screen. Und bevor es das Fernsehen gab: Märchen. Fabeln. Geschichten die
Generationen weitergegeben haben was (gerade) richtig ist und was falsch. Was sich gehört und was nicht. Wer der Held ist und wer der Depp. Wer am Ende belohnt wird und wer nicht. Was moralisch integer ist und was nicht!
Das klingt harmlos – ist es aber nicht. Es ist ein fein gewobenes Netz, wobei an jedem Knotenpunkt Geld verdient wird oder die Vorbereitung dafür getroffen wird.
Denn wer die Geschichten erzählt — formt die Welt in den Köpfen der Zuhörer. Lange bevor der Verstand sich wehren kann. Das Kind das Märchen hört lernt nicht nur die Sprache und den Ton, sondern auch die Logik und das was es transportiert — es lernt was die Welt (um es herum) ist. Was sie sein darf. Was es selbst sein darf.
Heute heißen die Märchen anders
Sie laufen auf Bildschirmen. Zwei Stunden, zehn Staffeln, endlos scrollen. Und sie tun dasselbe — nur schneller, teils subtieler, präziser und effizienter. Mit Algorithmen die wissen welche Geschichte
bei dir sitzt. Welche Emotion dich länger dranbleiben lässt um durch träufeln zu werden, mit Werten, Ansichten, Meinungen, Haltungen über die es keine Übereinkunft gibt.
Unreflektiert. In Milliarden Gehirne gleichzeitig.
Weil keiner mehr Zeit hat darüber nachhaltig zu reflektieren – geschweige denn in Gruppen mit wachen Bewußtsein jedes Einzelnen und größer Gelassenheit einen Konsens herbeizuführen.
Und wenn du aussteigst — wenn du sagst: ich schau kein Fernsehen mehr, ich will das nicht — dann passiert genau das was immer passiert wenn jemand eine Frage stellt die zu weit führt:
Du wirst angeschaut als wäre bei dir etwas kaputt.
Ob bei dir alles in Ordnung ist.
Als wäre die Abwesenheit von Beschallung eine Krankheit. Als wäre Stille verdächtig. Als wäre das lauschen der (eigenen) Natur Gefahr.
Als wäre ein Mensch der nicht konsumiert was alle konsumieren — irgendwie nicht ganz richtig.
Was passiert wenn jemand wirklich fragt
Und wenn dann doch jemand fragt — wirklich fragt, nicht rhetorisch sondern mit echtem
Gewicht — dann passiert etwas Interessantes.
Die Antwort ist selten Wut. Selten Neugier.
Meistens ist es: Unbehagen. Ein kurzes Zucken. Und dann — Ablenkung. Das Gespräch landet irgendwo anders. Beim Wetter. Beim nächsten Urlaub. Bei irgendetwas das sich leichter anfühlt.
Nicht weil Menschen eine solche Auseinandersetzung nicht tragen könnten. Sondern weil die Frage sie selbst trifft.
Wer wirklich hört was da gefragt wird — muss sich fragen ob er sein eigenes Leben richtig lebt. Ob die Jahrzehnte die er dem System gegeben hat einen Sinn – hinsichtlich seiner Existenz als Mensch auf dieser Erde – hatte.
Ob all die aufgesparten Momente des Lebens durch die Rente, dem Urlaub oder dem Wochenende — wirklich zurück gebracht wurden und ob es das war wofür es sich gelohnt hat.
Das ist keine angenehme Frage.
Also wird sie nicht gestellt. Nicht laut. Nicht bewusst. Man lenkt sich ab — und nennt das Leben.
Das System muss niemanden zwingen zu schweigen. Es hat etwas Eleganteres geschaffen:
Menschen die sich selbst zum Schweigen bringen. Die Träume belächeln — nicht weil Träume lächerlich sind, sondern weil sie an die eigenen erinnern die man irgendwann begraben hat. – Und das obwohl sie ein Teil des Möglichen sind, da sie träum – denk- und aussprechbar sind.
Und wer trotzdem fragt — wer tausend Fragen stellt und nicht aufhört — der nervt. Der stört. Der wird an den Rand gestellt oder bemitleidet oder belächelt.
Das ist kein Zufall. Das ist Konditionierung.
Und das Erschreckende daran ist nicht wie tief sie sitzt. Das Erschreckende ist wie alt
sie ist.
Diese Konditionierung läuft nicht seit gestern. Nicht seit dem Fernsehen. Nicht seit der Industrialisierung. Sie läuft seit Generationen — weitergegeben von Eltern die es selbst nicht besser wussten, von Lehrern die es selbst gelernt hatten, von Gesellschaften die es für
Wahrheit hielten weil es schon immer so war – oder gerade gut in eine Wahrnehmungslandschaft paßt.
Jede Generation hat die nächste geformt. Mit denselben Geschichten. Denselben Werten. Denselben stillen Verboten. Und irgendwann braucht es keine Verbote mehr — weil der
Mensch sich selbst kontrolliert. Weil er die Stimme die sagt das gehört sich nicht längst verinnerlicht hat. Weil sie sich anfühlt wie seine eigene.
Das ist die eigentliche Leistung dieses Systems.
Nicht Zwang. Nicht Gewalt. Sondern Menschen die in völliger Überzeugung ihrer eigenen friedvollen Freiheit den Rücken gekehrt haben um zu — funktionieren.
Mein Kollege hat sein Leben aufgespart. Für danach.
Danach kam nicht.
Das ist nicht Pech. Das ist Monetarität.
Teil I dieser Reihe findest du [hier]. Teil III folgt.